FEM – Freiheitsentziehende Maßnahmen [St]

Standart zur Vermeidung von freiheitsentziehenden Maßnahmen

Allgemeine Grundsätze

[Bei uns] steht das Selbstbestimmungsrecht des Bewohners und des Gastes an oberster Stelle. Trotzdem kann es vorkommen, dass freiheitseinschränkende Maßnahmen in Erwägung gezogen werden müssen. In einem solchen Prozess beachten wir die Leitlinien des Werdenfelser Weges.

Werdenfelser Weg
Der Werdenfelser Weg ist ein verfahrensrechtlicher Ansatz bei der Vermeidung von Fixierungen und freiheitsentziehenden Maßnahmen wie Bauchgurte, Bettgitter, Vorsatztische in stationären Einrichtungen.

Freiheitsentzug stellt eine entscheidende Maßnahme in die Unantastbarkeit der Menschenwürde und in die freie Entfaltung der Persönlichkeit dar, die durch das Grundgesetz geschützt sind. Wir möchten, dass das Rechtsgut der freizügigen Bewegung der Bewohner höchste Priorität hat. Der Einsatz von Fixierungen erfordert in jedem Fall eine sorgfältige Abwägung der beiden Rechtsgüter Sicherheitsbedürfnis und Freizügigkeit der Bewegung!

!!!
FEM schützen nicht vor sturzbedingten Verletzungen. Sie stellen häufig selbst eine Gefährdung für den Bewohner dar (Leitlinie FEM 21015).

Freiheitsentziehende Maßnahmen bedürfen der vormundschaftsgerichtlichen Genehmigung. Es ist darauf zu achten, dass freiheitsentziehende Maßnahmen nur auf gesetzlicher Grundlage durchgeführt werden. Die Genehmigung von freiheitsentziehenden Maßnahmen ist immer befristet. Die Beantragung von freiheitsentziehenden Maßnahmen hat grundsätzlich die Überprüfung einer Betreuung zur Folge.

Die richterliche Genehmigung ist keine Verpflichtung der genehmigten FEM. Sie ist lediglich eine Erlaubnis zu deren Anwendung unter bestimmten Bedingungen und über einen begrenzten Zeitraum. Die pflegerische Angemessenheit der Maßnahme ist weiterhin vor jeder Durchführung zu überprüfen.

Die Unterbrechung oder das Nichtanbringen der genehmigten Fixierung ist im Pflege-Team, mit der Pflegedienstleitung und dem Bevollmächtigten zu besprechen und zeitnah zu dokumentieren.

Möglichkeiten der Vermeidung von FEM

Bevor eine freiheitsentziehende Maßnahme zum Tragen kommt, ist zu hinterfragen, ob diese durch sinnvolle pflegerische Interventionen und Betreuungsangeboten vermieden werden kann (s. Werdenfelser Weg).

Sinnvolle pflegerische Maßnahmen sind:

  • Einsatz von Alternativen Niedrigflurbetten, Sitzsäcken etc.
  • Mit dem sozialen Dienst werden angemessene Betreuungsmaßnahmen für den Tagdienst abgestimmt (Aromatherapie, Beschäftigungstherapie, usw.)
  • Ursachenforschung (z.B. anhand vorheriger Sturzprotokolle) und Behebung der Ursachen
  • Getränke anbieten (Störung der Gehirnfunktion durch Exsikkose)
  • Stolperfallen in allen dem Bewohner zugänglichen Bereichen entfernen
  • Optimierung der Beleuchtung durch Nutzung aller vorhandenen Lichtquellen
  • Medikamentenüberprüfung und Information an den Arzt bei vermutet falscher Arzneimittelwirkung oder auffälligen Vitalwerten
  • Ggf. Konsultation eines Neurologen, ggf. Verordnung von Bedarfsmedikamenten (auf genauste Indikationsstellung ist zu achten!)
  • Beratung und Verwendung von Protektoren-Hosen, „Stopersocken“
  • Mobilisationstraining durch Mitarbeiter oder verordnete Physiotherapie
  • Geh- und Stehtraining durch Ergotherapie

Maßnahmen bei Sturzgefährdung in der Nacht:

  • Vitalzeichenkontrollen, Blutzucker
  • Zwischenmahlzeit, Getränke anbieten (auch Kaffee)
  • Toilettengang zu bestimmten Zeiten einplanen (Verhinderung des selbstständigen Aufstehens)
  • Toilettenstuhl am Bett
  • Nachtlicht anlassen
  • Matratzenlagerung (1-2 Matratzen auf dem Fußboden – dabei Auskühlen des Bewohners durch Benutzung von Pflegeoveralls verhindern)

Gefahren durch Fixierungen

Bei jeder Fixierung ist unbedingt die Verhältnismäßigkeit der Mittel zu beachten. Es ist nur jenes Mittel angemessen, das die Bewegungsfähigkeit des Betroffenen am wenigsten einschränkt, jedoch den Zweck der freiheitsentziehenden Maßnahme erfüllt. Jede Fixierung birgt auch Gefahren für die körperliche und seelische Unversehrtheit des Betroffenen. Es ist darauf zu achten, dass dem Betroffenen kein zusätzlicher Schaden zugefügt wird.

Besondere Gefahren sind:

  • Strangulation durch unsachgemäß angebrachte Fixierungen
  • Erhöhte Verletzungsgefahr bei Überwindung von Fixierungen (z.B. Übersteigen des Bettgitters)
  • Extreme psychische Belastungen durch das Erlebnis der Fixierung, die evt. an traumatisierende Fesselungserlebnisse z.B. in Kriegszeiten erinnern

Die Fixierung geschieht ausschließlich unter Beachtung der jeweiligen Produktbeschreibungen (s. Standart Umgang mit Medizinprodukten KP 8.7.29)

Wann liegt kein Freiheitsentzug vor?

Ein Freiheitsentzug liegt nicht vor wenn:

  1. der Betroffene keinen natürlichen Fortbewegungswillen mehr hat
  2. keine realistische Möglichkeit zu einer Fortbewegung mehr besteht
  3. die freiheitsentziehende Maßnahme auf den ausdrücklichen Wunsch des Bewohners / Gastes hin geschieht. In diesem Fall muss der Wunsch des Bewohners mit dem Formular „Einverständniserklärung zu freiheitsentziehenden Maßnahmen“ FO-KP 8.6.10 dokumentiert werden (Evaluation alle 6 Monate)

Handlungsbedarf bei „Gefahr im Verzug“

In akuten und dringenden Fällen, bei „Gefahr im Verzug“, wird zum Schutz des Betroffenen ein grundsätzlich anerkanntes Mittel zur Freiheitsentziehung eingesetzt und sofort die Beantragung von freiheitsentziehenden Maßnahmen (s.u.) eingeleitet. Bis zur richterlichen Genehmigung der Freiheitsentziehung sind besondere Anforderungen an die Dokumentation zu stellen. Fixierungsmaßnahmen werden im Bewegungsplan (FO-KP 8.7.1) dokumentiert.

Mögliche freiheitsentziehende Maßnahmen sind:

  • Bettgitter
  • Beckengurt im Bett
  • Beckengurt im sitzen
  • Fixierungstisch
  • Freiheitsentzug durch Medikamente

Beantragung von freiheitsentziehenden Maßnahmen

Ablauf
VorgangVerantwortlich
1. Feststellung des Fixierungsbedarfs und Diskussion alternativer Pflege- und Betreuungsmöglichkeiten im Team zur Vermeidung freiheitsentziehender Maßnahmen.
Rücksprache und Informationsgespräch mit LSD, Angehörigen, Bevollmächtigten und Betreuern.
PDL oder diensthabende Pflegefachkraft
2. Falls der Betreuer oder Bevollmächtigte einen Freiheitsentzug gegen den Rat des Pflegeteams ablehnt, so dürfen keine freiheitsentziehenden Maßnahmen durchgeführt werden. Dieser Sachverhalt ist genauestens zu dokumentieren, diese Dokumentation wird in der Bewohnerakte aufbewahrt, HL, LSD und PDL sind über den Vorgang sofort zu informieren.PDL oder diensthabende Pflegefachkraft
3. Informationsweitergabe an:
HL, LSD, PDL
PDL oder diensthabende Pflegefachkraft
4. Beantragung des ärztlichen Attestes beim Hausarzt (FO-KP 8.6.12)EL
5. Weiterleitung des ärztlichen Attestes an das AmtsgerichtVW
6. Entgegennahme des Bescheids vom AmtsgerichtVW
7. Eintragung in die EDVPDL, Pflegefachkraft
8. Originalschreiben des Bescheids in der Bewohnerakte abheftenVW
9. Evaluation der freiheitsentziehenden Maßnahmen:
Überprüfung der Angemessenheit vor jeder
Durchführung, evt. Rücksprache mit der Bezugspflegekraft / PDL …


Bei Erstellung der monatlichen MDK-Liste.

Im Rahmen der Evaluation durch Bezugspflegefachkraft mindestens alle 3 Monate.
Bei Bedarf / Anlass durch die Bezugspflegefachkraft
Alle MA

PDL


Bezugspflege-fachkraft
10. Das Anlegen oder Abnehmen von freiheitsentziehenden Maßnahmen ist im Formular FO-KP 8.7.1 im Zimmer des Bewohners zu dokumentieren!Alle MA
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